Bio-Lebensmittel - Angebotslücke selbstgemacht

Wenn man in der Lebensmittelbranche über die Vorsilben "Öko" oder "Bio" spricht, schwingt fast immer eine Weltanschauung oder mindestens eine emotionale Einfärbung mit. Die einen sind flammende Befürworter und für die anderen ist der ökologische Landbau belächelte Nische. Gerade auf der weltgrößten Agrarmesse, der Internationalen Grünen Woche (IGW) in Berlin wurden die Fronten oft deutlich. Widmet man sich den Fakten und Zahlen, entsteht ein Bild der Lage. Stand: Januar 2012. 

Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner verkündete auf der IGW stolz, dass die Aussichten der deutschen Bauern so gut wie selten sind: "Der Umsatz wächst kontinuierlich und auch die Zahl der Beschäftigten." In das Jahr 2012 gehe die Branche "mit einem gesunden Selbstbewusstsein". 

Für die Bio-Bauern sieht die Lage so aus: Die Branche kann den Markt nicht mehr bedienen. Während der Marktumsatz von Bioprodukten ständig wächst, kommt der deutsche Ökolandbau mit der Produktion nicht hinterher. Die Folge: steigende Importe von Bioware, um die Nachfrage zu decken. Der Bio-Sektor ist somit eine der einzigen Branchen im Lebensmittelbereich, deren Wertschöpfung noch lange nicht erreicht scheint. Satte 300 Prozent beträgt die gestiegene Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in 2011 im Vergleich zum Jahr 2000, errechnete der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Der Flächenanteil ist in diesem Zeitrahmen aber nur um etwa 180 Prozent gestiegen. "Das Dramatische ist nicht der Austausch mit anderen Märkten, sondern dass wir Marktanteile abtreten, die wir später nur sehr schwierig zurückerobern können", so BÖLW-Vorstandsvorsitzender Felix Prinz zu Löwenstein. 

Haben also die deutschen Bauern die Entwicklung schlicht verschlafen? Eine einfache Antwort gibt es da wohl nicht, wohl aber Erklärungsansätze. So muss man sich fragen, warum die Förderung des Ökolandbaus in Deutschland in jedem Bundesland anders geregelt ist. Während zum Beispiel Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg die Umstellung mit Flächenprämien fördern, gehen die Bauern in Brandenburg und Schleswig-Holstein komplett leer aus. Und das obwohl die Bundesländer selbst nur einen geringen Anteil (8 bis 18%) der Fördersumme selbst aufbringen müssen. Der Löwenanteil kommt hier von der EU, der Rest vom Bund. Dummerweise ist aber ein Bauer - im Gegensatz zu anderen produzierenden Gewerben - an den Standort gebunden und kann nicht einfach in ein anderes Bundesland mit besseren Fördermöglichkeiten ziehen. 

Fakt ist also: Einige Bundesländer sehen den wachsenden Biomarkt als Chance und verknüpfen damit ganz nebenbei auch noch Umweltmaßnahmen wie Gewässer- und Bodenschutz. Andere sehen das nicht oder ändern die Förderbedingungen in einem Rhythmus, dem die Bauern nicht folgen können. Bioland-Präsident Jan Plagge brachte es auf der IGW auf den Punkt, konfrontiert mit der Frage, warum wir auf dem deutschen Markt so viele Bio-Produkte importieren: "Sie haben als Bauer zwei Möglichkeiten. Erstens: Sie arbeiten die nächsten 20 Jahre so wie die letzten 20 Jahre mit leichten technischen Neuerungen. Oder: Sie arbeiten neu und innovativ mit einer gesellschaftlichen Herausforderung und Zukunftssicherung, aber ohne sicheres Einkommen." Da bei den meisten Menschen - und gerade in alteingesessenen Familienbetrieben - Kontinuität und Sicherheit vorgingen, stellten viel zu wenige Landwirte auf ökologische Anbauweisen um, so Plagge. 

Das Fazit: Die Verbraucher sind immer mehr bereit, auf Bio-Produkte umzustellen, aber die deutschen Marktteilnehmer, inklusive der politischen Weichensteller scheinen die Entwicklung zu verschlafen. Die Bundesregierung hat in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie nach wie vor das Ziel, 20 Prozent Ökolandbau zu erreichen und Bundesernährungsministerin Ilse Aigner betonte auf der IGW ihr Leitbild von "einer ökologisch tragfähigen, ökonomisch existenzfähigen, sozial verantwortlichen und Ressourcen schonenden Wirtschaftsweise". Ob das föderale System in Deutschland den Anforderungen eines auch in der Bio-Branche globalen Marktes gewachsen ist, werden die nächsten Jahre zeigen.

Quelle: Bonn / Berlin [ Harald Seitz - www.aid.de ]

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